Der Morgen beginnt vielversprechend. Trishuli liegt bald hinter uns, vor uns schlängelt sich eine Bergstraße, die uns für die nächsten zwei Tage begleiten wird. Doch sie zeigt uns von Anfang an die Zähne: Löcher, Steine, Schlamm – und eine Steigung, die uns alles abverlangt. Nicht zu vergessen: unser gesamtes Hab und Gut, das wir in Form von zusätzlichen Kilos auf dem Rücken tragen. Aua.
Aber wir wollten es so. Keine Sekunde stellen wir unser Vorhaben infrage.
Wieder einmal entschädigt die Natur für alles. Die tropische Berglandschaft explodiert förmlich vor Leben: üppig grüne Wälder, terrassierte Reisfelder, die sich bis in die höchsten Lagen ziehen. Wir kommen aus dem Staunen nicht heraus. Die Dörfer am Wegesrand sind winzig, oft nur ein paar verstreute Häuser, die sich in die Hügel schmiegen.
Je höher wir steigen, desto weiter reicht unser Blick – und desto mehr schwinden unsere Kräfte. Fahren. Schieben. Fahren. Schieben. Immer im Wechsel. Immer mit Blick auf die atemberaubende Szenerie. Es hilft. Ein bisschen.
Irgendwann, als wir gerade wieder schieben müssen, taucht ein kleines Mädchen neben uns auf. Es läuft ein paar Meter mit uns mit – und dann?
Springt es einfach auf Stephans Rad.
„Sie packte mich am Arm, zog sich rauf und ließ sich samt Rad von mir schieben! Ich seh’ gleich Sterne, wenn ich die noch lange mit nach oben schleppen muss!“
Wir sind völlig fertig – und können trotzdem nicht anders, als zu lachen.
Die Stunden vergehen, die Kilometer schleichen dahin. Eine kleine Panne an Stephans Antrieb lässt uns kurz nervös werden. Noch nervöser werden wir, als wir uns verfahren.
Und das ist hier keine Kleinigkeit.
Falsch abbiegen in diesen Bergen bedeutet nicht einfach nur ein paar Extrakilometer. Unser Weg führt bergab. Steil bergab. Sehr steil bergab. Viel zu spät merken wir, dass wir falsch sind – und dann heißt es: alles wieder hoch. Zurückfahren? Keine Chance. Also schieben wir unsere Räder keuchend nach oben. Die Nerven liegen blank.
Irgendwie schaffen wir es doch noch nach Todke. Gerade noch vor Einbruch der Dunkelheit. Und wir wollten heute das Doppelte fahren? Lächerlich. 7,5 Stunden für 35 Kilometer. Diese Etappe war kein Ride – sie war ein Arschtritt.
Todke begrüßt uns mit Schlamm. Viel Schlamm. Aber immerhin finden wir noch im Hellen eine Bleibe. Unsere Unterkunft? Eine echte Herausforderung:
Das „Zimmer“ ist nur durch eine kleine Luke betretbar. Stehen? Fehlanzeige. Unser „Bett“? Eigentlich ein Brett. Unsere „Matratze“? Auch ein Brett. Komfortzone? Meilenweit entfernt.
Aber das Beste: Kein fließendes Wasser. Eine Dusche wäre nach diesem Tag ein Traum gewesen – unser Körpergeruch beweist es. Der einzige Luxus? Ein Plumpsklo. 100 Meter vom Dorf entfernt. Durch den Schlamm.
Egal. Wir sind trotzdem zufrieden.
Am Abend sitzen wir mit unseren Gastgebern beim Essen. Die Verständigung ist holprig, das Essen fantastisch, die Stimmung gelöst. Fernab von Touristen, mitten im ländlichen Nepal, erleben wir einen echten Einblick in den Alltag der Menschen hier.
Und was soll man sagen? Arm oder traurig wirkt hier nichts. Es wird gelacht, geredet, gelebt.
Ein echter Tag in Nepal. Bitte, mehr davon.