Aber jetzt erst mal raus. Raus aus dieser brodelnden, staubigen Stadt. Raus aus dem Chaos. Die einzige Hürde: der Verkehr. Oder besser gesagt, die Fahrweise auf den Straßen Kathmandus. In den letzten Tagen hatten wir eine Mischung aus Respekt und Skepsis entwickelt. Würden wir es schaffen, uns genauso selbstverständlich durch den Strom aus hupenden Autos, Motorrädern und Rikschas zu schlängeln wie die Einheimischen?
Ja, würden wir.
Tatsächlich war es einfacher, als gedacht. Mit unseren Rädern hatten wir eine bessere Übersicht als die meisten, und durch unsere gelben Bike Bauer-Trikots waren wir ohnehin nicht zu übersehen. Das eigentliche Problem lag woanders: unsere Lungen. Die Mischung aus Smog, Staub und Abgasen brannte in der Kehle. Nach fünfzehn Minuten fühlte sich unser Mund an, als hätten wir einen Beutel Zement inhaliert.
Doch dann – endlich.
Wir lassen Kathmandu hinter uns. Der Lärm verblasst, der Verkehr dünnt aus, und plötzlich ist da nur noch Natur. Die Straße windet sich sanft bergauf, gesäumt von dichtem, subtropischem Wald. Die Luft ist feucht und voller fremder Gerüche, der Staub verfliegt, und vor uns öffnet sich das Kathmandu Valley. Die nächsten zwanzig Kilometer sind ein Traum: eine Mischung aus gemütlicher Steigung und knackigen MTB-Passagen über Schlamm und Steine. Geil. Unsere Augen werden immer größer, je weiter wir in die Landschaft eintauchen: Dschungelgrün, Reisterrassen, dichte Hanfpflanzen (die hier eher Baumformat haben) und tief unter uns, 1.300 Meter weiter unten, der Trishuli Nadi, flankiert von Palmen und Sandbuchten. Ein Panorama wie aus einem Abenteuerfilm – nur, dass wir mittendrin sind.
Die Straße? Ein Erlebnis für sich. Unzählige Serpentinen winden sich an Felswänden entlang, oft kaum breiter als ein LKW. Und genau da wird es spannend: Wenn man mit dem Fahrrad in eine Kurve fährt und sich plötzlich einem Bus oder Truck gegenübersieht, der sich seinen Weg durch das Nadelöhr bahnt. Auf der einen Seite der Fels, auf der anderen der Abgrund – manchmal tiefer, als wir es uns genau anschauen wollen. Ein paar Mal wird es brenzlig. Mehr, als uns lieb ist. Und das schon am ersten Tag.
Dann, als wäre es nicht schon genug Adrenalin für einen Tag gewesen, werden wir zweimal von kläffenden Dorfhunden verfolgt. Stephan kommentiert trocken:
„Ich mag es nicht, von Hunden verfolgt zu werden.“
Fairer Punkt. Mir fällt auch niemand ein, der das mögen würde.
Doch die Euphorie, endlich unterwegs zu sein, überstrahlt alles. Die Anstrengung, der Staub, der Verkehr – egal. Das Abenteuer hat begonnen.
Am Abend erreichen wir Trishuli. Voller Eindrücke, völlig ausgepowert, aber mit einem breiten Grinsen im Gesicht. In einem kleinen Hotel, geführt von einer sympathischen Familie, verdrücken wir vier Teller voll Kalorien und erklären diesen ersten Tag für offiziell beendet.
Und morgen? Morgen geht es weiter.